Schopenhauer-Gesellschaft

Sitz: Frankfurt am Main

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Jochen Stollberg

Das Archivzentrum der Universitätsbibliothek ist umgezogen

Im Jahre 1990 mietet die Stadt Frankfurt die ehemals Sontheimersche Villa in der Bockenheimer Landstraße 102 für das Frankfurter Literaturhaus an. Dieses richtet sich in den Räumen des Erdgeschosses und der ersten Etage ein und wird von hier aus zu einer stadtbekannten Einrichtung. Die zunächst nicht benötigten Räume erhält die Stadt- und Universitätsbibliothek, um eine Reihe wichtiger philosophischer Nachlässe unterzubringen. Es beginnt mit dem bereits seit 1920 mit der Bibliothek verbundenen Schopenhauer-Archiv, das hier drei museal gestaltete Zimmer und einen Magazinraum erhält. Es folgen die großen Nachlässe Max Horkheimers und Friedrich Pollocks mit zusammen etwa 250 000 Dokumenten, sowie die Nachlässe Herbert Marcuses und Alexander Mitscherlichs. Damit bildet sich der Begriff "Archivzentrum der Stadt- und Universitätsbibliothek", der dann bald über die Grenzen der Stadt hinaus akzeptiert wird. Das führt zu weiteren Zuwächsen, so daß mit der Übernahme des wissenschaftlichen Nachlasses Leo Löwenthals ein großer Teil der Arbeit des seit den 20er Jahren bedeutenden Frankfurter Instituts für Sozialforschung hier zusammengefasst ist und die einzelnen Inhalte sich untereinander ergänzen.

Der stets wachsende inhaltliche Wert führt zu weiterer Bestandsvermehrung. Die Briefe, Manuskripte, Arbeitsunterlagen und Lebensdokumente von Bruno Liebrucks, Heinz-Joachim Heydorn, die wissenschaftlichen Unterlagen von Klaus Horn, sowie die Unterbringung des Literaturarchivs Franz Lennartz mit seinen mehr als 600 000 Zeitungsausschnitten zu Geschichte der Weltliteratur, bringen das Archiv räumlich - und, innerhalb des Hauses, wohl auch statisch - an seine Grenzen. Als es dann notwendig wird, die vor allem literarischen Nachlässe der Erwin von Steinbach-Stiftung unterzubringen, muß ein zentraler Raum, der bisher für Gruppenveranstaltungen genutzt worden war, zu Magazinfläche umgewidmet werden.

Diese Entwicklung fällt in die Zeit des raschen Ausbaus des Internets als Informationsmittel. Das Archivzentrum präsentiert sich in diesem Medium bald, sowohl als Einheit als auch in der Beschreibung seiner einzelnen Teile, in dem es über Personen, Bestände und die Mittel zu ihrer Erschließung informiert. Eine eigene Rubrik "Neues und Interessantes aus dem Archivzentrum" trägt zusätzlich dazu bei, daß sich Schritt für Schritt ein internationaler Nutzerkreis bildet, innerhalb dessen es zu überraschenden und gegenseitig befruchtenden Querverbindungen kommt.

Seit 2004 wird die Grundlage dieser interessanten Konstruktion aus mehreren Gründen brüchig. Das Literaturhaus erhält in der wiederaufgebauten alten Stadtbibliothek ein neues Domizil, die Stadt- und Universitätsbibliothek verlässt die städtische Trägerschaft und wird als Universitätsbibliothek nun ganz der Johann Wolfgang Goethe-Universität eingegliedert, so daß die außerordentlich hohen Mietzahlungen für ein externes Quartier nicht mehr verantwortet werden können.

Parallel dazu ist, durch die völlige Veränderung der Arbeitsabläufe und der Katalogsituation in der Universitätsbibliothek, eine umfassende räumlich Neugliederung möglich geworden. Nach der teils heftig umstrittenen, aber schließlich vom Publikum sichtbar angenommenen Umgestaltung der zentralen Halle der Bibliothek und des geisteswissenschaftlichen Lesesaals im Erdgeschoß, wurden Räume, die vor vierzig Jahren vom Architekten für eine ständige Ausstellung in der Bibliothek konzipiert und seither zahlreiche Nutzungsänderungen erlebt haben, dazu bestimmt, das Archivzentrum für die nächsten Jahre aufzunehmen.

Am 25. August 2006 wurde die Wiedereröffnung des Archivzentrums in der Universitätsbibliothek mit einer kleinen Feier begangen. Der Andrang zu dieser, an einem Freitag vormittags um 10.00 Uhr angesetzten Veranstaltung war für alle, besonders aber für die Veranstalter, eine große und erfreuliche Überraschung. Nach eine Begrüßung durch Berndt Dugall, den Direktor der Bibliothek, der vor allem auf die wirtschaftlichen Hintergründe des Umzuges hinwies, gingen Professor Leonhardt, Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium, Professor Ring als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde der Universitätsbibliothek und Professor Koßler, Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft, auf verschiedene Aspekte der Arbeit und des Werts des Archivs mit seinen wertvollen Quellenbeständen für die Universität Frankfurt und für die Forschung insgesamt ein.

Der große Andrang machte eine geordnete Führung durch den neuen Raum schier unmöglich. Stattdessen ergaben sich zahlreich spontane Gespräche zwischen den dichtgestellten Regalen. Bei einem Glas Sekt konnte das neugestaltete Archiv von den unterschiedlichsten Standorten aus betrachtet werden. Die hohen weißen Wände umgeben ein einheitlich schwarzes Mobiliar. Das dunkle Grau des steinernen Fußbodens überbrückt den Kontrast. Das Schwarz der Regale wird sowohl durch vielfarbige Bücherrücken als auch durch das helle Graubraun der Archivkapseln in die Rolle eines Rahmens gedrängt. "Schwarze Löcher" gibt es nirgends, denn das Archiv ist von Anfang an gekennzeichnet durch "geordnete Überfüllung". Zusätzlicher Magazinraum hat bereit zu diesem Zeitpunkt Teile der Archivbestände aufgenommen.

Optisch dominiert Schopenhauer den gesamten Raum. In der links vom Eingang beginnenden Regalwand ist hinter Glas der erhaltene Teil der nachgelassenen Bibliothek des Philosophen zu sehen. Die in den Büchern enthaltenen Arbeitsspuren ihres ursprünglichen Besitzers machen sie zum am stärksten wissenschaftlich genutzten Teil des Archivs. Dieser kleinen Bibliothek schließt sich dann die bedeutende Sammlung des Schopenhauerforschers Arthur Hübscher an, in der der heutige Wissenschaftler die wichtigsten wissenschaftlichen Textausgaben und andere Hilfsmittel zur Forschung sofort zur Hand hat. Dieses Regal wird von vier Schopenhauerbüsten geschmückt. In vier Flachvitrinen werden die Gegenstände, die aus Schopenhauers spartanischem Leben erhalten sind, gezeigt, eine weist mit der Ausstellung stark beschädigter wertvoller Bände auf die "Aktion Notbuch" hin und eine letzte stellt Geschichte und Tätigkeit der Schopenhauer-Gesellschaft vor.

Großzügig wie bisher noch nie kann an den Wänden die umfangreiche Sammlung von Porträts des Philosophen Arthur Schopenhauer vorgestellt werden. An einer Wand sind die zu Lebzeiten des Philosophen, an der gegenüberliegenden, die bisher entstandenen Porträts in Öl gehängt. Eine dritte Wand zeigt eine Auswahl der graphischen Arbeiten.

Alle Arbeitsplätze für die Nutzer sind mit netzfähigen Computern ausgestattet. Bilder und Texttafeln über diesen Arbeitsplätzen weisen auf Leben und Werke der übrigen Gelehrten hin, deren Nachlässe im Archivzentrum vereinigt sind.

Einen kleinen Höhepunkt erfuhr die Veranstaltung damit, daß die Schopenhauer-Gesellschaft die Gelegenheit nahm, in Anwesenheit des Frankfurter Künstlers Frank Grüttner, dem Archiv ein in seiner Art und Qualität neuartiges Schopenhauer-Porträt als Dauerleihgabe zu übergeben.

Nach anstrengenden Umzugs- und Einrichtungswochen und einem beeindruckenden Zuspruch bei seiner Eröffnung hoffen die Mitarbeiter des Archivzentrums auf die Treue der bisherigen und das Interesse neuer Nutzer.

Die Tür zum Archivzentrum ist wegen des Werts der in ihm bewahrten Dokumente stets verschlossen. Interessenten melden sich bitte bei der Information. Das Archivzentrum ist montags bis freitags geöffnet von 10.00 bis 16.30 Uhr. Voranmeldung (schriftlich, telephonisch oder per e-mail) ist empfehlenswert, Führungen für allgemein Interessierte werden nur mittwochs zu den Öffnungszeiten angeboten.

 

Allgemeine Informationen und solche zu den Beständen finden Sie Im Internet unter http://www.ub.uni-frankfurt.de/archive/home.html

Anschrift
Schopenhauer-Archiv der Universitätsbibliothek
Bockenheimer Landstr. 134-138
60325 Frankfurt am Main