
Workshop "Marginalia and Manuscripts": Oupnek’hat lesen in Agra
21. September 2026 | Gastbeitrag
Von Yahya Kouroshi
Zwischen Agra und Frankfurt: Schopenhauer an den Rändern lesen
August und September sind die Todesmonate von Dara Shikoh und Arthur Schopenhauer. Dieses kalendarische Nebeneinander bildete den Anlass für die Quellenwerkstatt "Marginalia and Manuscripts: ein interdisziplinäres Get-together zu Schopenhauers Randbemerkungen zum
Oupnek’hat" am 12. August 2026.
Schon vor fünfzehn Jahren sprach der Schweizer Schopenhauer-Experte Urs App (Schopenhauers Kompass: 2011) von einem 150-jährigen Versäumnis der Schopenhauer-Forschung: Schopenhauers Randnotizen zu seinem Lieblingsbuch, dem
Oupnek’hat, seien von der Forschung weitgehend unbeachtet geblieben. Eine pessimistische Bilanz? Die Rezeptionsgeschichte dieser bemerkenswerten
Realia lässt sich innerhalb der gegenwärtigen Forschungslandschaft etwas wissenschaftsfröhlicher auch so beschreiben: unzählige Annotationen des Danziger Philosophen haben zwei Weltkriege, den Kalten Krieg, den Mauerbau, die Wiedervereinigung und sogar die KI-Ära miterlebt und überstanden. Sie blieben dabei weitgehend am Rand der Forschung, trotz aller inter- und transkulturellen Theoriewellen in den Geisteswissenschaften und trotz Wendungen wie
Linguistic Turn,
Iconic Turn und
Material Turn.
Diese mehrsprachigen handschriftlichen Notizen des Urhebers einer „(sub)kontinentalen“ Philosophie gehören zu verschiedenen Lebensphasen des Philosophen. Ihre grundlegende Bedeutung für die Willensmetaphysik hat App bereits nachgewiesen; hypothetisch darf hinzugefügt werden, dass sie ebenso erkenntnisreich für ein besseres Verständnis seiner Ästhetik und Ethik sein können.
Wozu überhaupt Annotationen lesen? Was zeigen Schopenhauers Annotationen, wenn sie nicht als bloßes Nebenprodukt seines philosophischen Systems, sondern als Spuren einer konkreten Lektürepraxis gelesen werden? "Marginalia and Manuscripts" verfolgte diese Lesespuren an den kulturellen Kontaktzonen des
Oupnek’hat, machte sie im Kontext lesbar, verband sie exemplarisch mit dem Inhalt seines Hauptwerks und vertiefte die Lektüre insbesondere durch seine Notizen zur Weltliteratur, darunter Goethes
West-östlicher Divan in seiner persönlichen Bibliothek (UB Frankfurt/Main). Die intertextuelle Herangehensweise verbindet Philosophie mit Poesie und verknüpft materialbasiert ideen- und rezeptionsästhetische Ansätze mit Close Reading, Paratextforschung und transkultureller Hermeneutik.
Schopenhauers Kunstphilosophie diente dabei als heuristischer Zugang in transkultureller Perspektive: poetische Imagination wird nicht als Beiwerk zur Philosophie oder Philologie verstanden, sondern als Denkbewegung zwischen unterschiedlichen Standpunkten. Das Spurenlesen in den Annotationen macht sichtbar, wie sich Begriffe und Perspektiven im Lesen verändern – und was eine systematische Ideengeschichte dabei leicht übersieht. Die abschließende Synthese der Auftaktveranstaltung knüpfte an Sonnemanns
Monade und Polis an und verschob den Blick von der Forschungslücke auf die wissenschaftliche Praxis. In dieser Perspektive liegt der blinde Fleck weniger im fehlenden Wissen oder in einer vermeintlichen Bedeutungsleere der Annotationen als vielmehr in der Art, wie Wissen ausgewählt, gelesen, ausgewertet und kanonisiert wird. Damit stellt sich in einem weiteren und zugleich nietzscheanischen Sinn die Frage nach Vor- und Nachteilen der Geschichte:
The Culture or De-Culture? Was wird durch kulturelle Ordnungen im disziplinären „Wolkenkuckucksheim“ sichtbar – und was wird an dessen Ränder verschoben? Vor diesem Horizont überschreiten die Annotationen nicht nur die Grenzen einer Wissensproduktion, die sie selbst marginalisiert, sondern eröffnen zugleich den Zugang zu einer bislang unterschätzten Ressource –
wenn man sie liest. |
Marginalia and Manuscripts ist eine Quellenwerkstatt, die von Dr. Kouroshi als Gastwissenschaftler an der Schopenhauer-Forschungsstelle initiiert und zusammen mit Prof. Koßler durchgeführt wird.
Zur Person
Dr. phil. Yahya Kouroshi ist promovierter Literaturwissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der literaturwissenschaftlichen Interkulturalitätsforschung. Zu seinen Publikationen gehören „Alternative Modernen: Literatur in autoritären Regimen. Simin Daneshvar – Mercè Rodoreda – Christa Wolf“ (2014) und „Buttermilch-Vernunft: Eine Annäherung an Hegels Berliner Ästhetik Vorlesungen aus interkultureller Perspektive“ (2024). Derzeit ist er Gastwissenschaftler an der Schopenhauer-Forschungsstelle der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.





